Behinderung, sonderpädagogischer Förderbedarf, Inklusion

Problembeschreibung

Alle europäische Bildungssysteme haben Probleme, mit Vielfalt umzugehen, Schüler_innen mit sonderpädagogischen Förderbedarf den Zugang zu Regelschulen und entsprechende Hilfsangebote bereitzustellen und damit Inklusion in der Bildung zu fördern. Diese Kinder sind immer noch vielen Vorurteilen ausgesetzt und werden durch rechtliche, verwaltungstechnische und physische Barrieren in Bildungsinstitutionen daran gehindert, ihr Recht auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe voll wahrzunehmen.

Bildungspolitische Konsequenzen

Viele Faktoren verhindern, dass sich der Grundsatz „Bildung für alle“ in der Praxis entwickelt und durchsetzt. In vielen europäischen Ländern gibt es weiterhin Sonderschulen in der einen oder anderen Form.

Weil das Thema Inklusion in der Aus- und Fortbildung von Lehrpersonen nicht immer vorkommt [1], fehlen vielen Lehrkräften in Regelschulen das Wissen, die Fertigkeiten und auch Materialien, um Schüler_innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf bzw. Behinderungen gleichzeitig in Regelklassen zu unterrichten [2] [3]. In einigen EU-Länder mit freier Schulwahl, ist es für Kinder mit speziellen Bedürfnissen und anderen gefährdeten Gruppen möglicherweise schwer, in Schulen von hoher Qualität aufgenommen zu werden, die vor allem Schüler_innen mit überdurchschnittlichen Leistungen suchen [4].

Außerdem ist es für Schüler_innen mit Förderbedarf womöglich schwierig, sich an die standardisierten und unflexiblen Lehrpläne anzupassen, die in manchen europäischen Ländern immer noch die Regel sind [1]. Nichtversetzung und Schulverweise tragen zur Diskriminierung lernschwacher Schüler_innen bei [1] und sind einer der Faktoren, die zum vorzeitigen Schulabbruch beitragen [5]. Bei Menschen mit Behinderungen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Schule mit geringen oder keinen Qualifikationen verlassen, besonders hoch, und Behinderte in der Altersgruppe von 16-24 Jahren sind seltener im Bildungssystem integriert und streben seltener einen höheren Bildungsabschluss an als ihre Altersgenossen [1] [5].

Empfehlungen

Inklusive Bildung ist ein vielschichtiges Thema. Um sonderpädagogische Förderung innerhalb der Regelschulen zu realisieren, sind sowohl politischer Wille erforderlich als auch die Umsetzung EU-weiter und nationaler politischer Initiativen in Schulalltag und Unterrichtspraxis [6]. Um die rechtliche Grundlage für inklusive Bildung zu stärken, sollten alle EU-Mitgliedstaaten politische Richtlinien und Rechtsvorschriften erlassen, die Menschen mit und ohne Behinderungen ein Recht auf inklusive Bildung garantieren [6]. Um die Situation von Schüler_innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu verbessern, sollten politische Maßnahmen getroffen werden, um die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen anzupassen [1] [7], Betreuungspersonal auszubilden und technische Hilfsmittel, wie IT-gestützte Lehrmittel, bereitzustellen [7].  Physische Barrieren vor und in Schulen müssen beseitigt und die Räumlichkeiten von Schulen und Universitäten müssen an eine inklusive Bildung und den nahtlosen Übergang zwischen allen Bildungsstufen angepasst werden [3] [6] [7] [8]. Die Beteiligung von behinderten Schüler_innen, deren Eltern, Interessengruppen und anderen Akteuren an bildungspolitischen Entscheidungsprozessen auf allen Ebenen kann dazu beitragen, die politischen Vorgaben besser an ihre Bedürfnisse anzupassen [7].


[1] Riddell, S., Education and disability/special needs: policies and practices in education, training and employment for students with disabilities and special educational needs in the EU [Bildung und Behinderung/besondere Bedürfnisse – Politik und Praxis für Lernende mit Behinderung und sonderpädagogischem Bedarf in Bildung, Berufsbildung und Beschäftigung in der EU], An independent report prepared for the European Commission by the NESSE network of experts [Unabhängiger Bericht des Expertennetzwerks NESSE für die Europäische Kommission], 2012. PDF file

[2] Inclusion International, Better Education for All: When We’re Included Too [Bessere Bildung für alle: Wenn auch wir dabei sind], Instituto Universitario de Integración de la Comunidad, Salamanca, 2009. PDF file

[3] OECD [Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung], Students with Disabilities, Learning Difficulties and Disadvantages: Policies, Statistics and Indicators [Schüler mit Behinderungen, Lernschwäche und Benachteiligungen: Politische Richtlinien, Statistiken und Indikatoren], Ausgabe 2007, PISA, OECD Publishing. PDF file

[4] Ebersold, E.; Schmitt, M. J.; Priestley, M., Inclusive Education for Young Disabled People in Europe: Trends, Issues and Challenges [Inklusive Bildung für junge Menschen mit Behinderung in Europa: Trends, Themen und Herausforderungen], Akademisches Netzwerk europäischer Experten im Behindertenbereich (ANED) – VT/2007/005, 2011. PDF file

[5] Downes, P., Multi/Interdisciplinary teams for early school leaving prevention: Developing a European Strategy informed by international evidence and research [Fach- und bereichsübergreifende Teams zur Bekämpfung von Schulabbruch: Entwicklung einer europäischen Strategie auf der Basis internationaler Daten und Forschungsergebnisse], NESET Forschungsarbeit 2011. PDF file

[6] UNICEF, The right of children with disabilities to education: A rights-based approach to Inclusive Education [Das Recht von Kindern mit Behinderungen auf Bildung: Rechtliche Perspektive auf inklusive Bildung], Positionspapier, UNICEF-Regionalbüro für Mittel- und Osteuropa und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, Genf, 2011. PDF file

[7] Ebersold, S., Inclusive education for young disabled people in Europe: Trends, issues, and challenges [Inklusive Bildung für junge Menschen mit Behinderung in Europa: Trends, Themen und Herausforderungen], University of Leeds, Centre for Disability, Leeds, 2011. PDF file

[8] Global Campaign for Education [Weltweite Kampagne für Bildung], Equal right, equal opportunity: inclusive education for children with disabilities [Gleiche Rechte, gleiche Chancen: inklusive Bildung für Kinder mit Behinderungen], Genf 2013. PDF file