Gleichstellung und Qualität in der Erwachsenenbildung

Problembeschreibung

Obwohl die Rolle der Erwachsenenbildung für eine nachhaltige persönliche, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung immer mehr anerkannt wird, hinkt die Umsetzung erfolgreicher politischer Ansätze diesem Bewusstsein hinterher. Die meisten Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung konzentrieren sich auf die Bildung junger Menschen. Bei der Anpassung der Bildungssysteme an das Konzept des lebenslangen Lernens und insbesondere an die Bedürfnisse der Erwachsenenbildung wurden bisher kaum Fortschritte erzielt [1]. Dennoch ist die Erhöhung der Qualität der Erwachsenenbildung eine wichtige Strategie, um mehr Menschen für Erwachsenenbildung zu interessieren und die hohen Abbrecherquoten zu senken.

Bildungspolitische Konsequenzen

Die Teilnahme an Erwachsenenbildung kann dazu beitragen, dass die Lernenden eine konstruktive und aktive Rolle in ihrem direkten Umfeld und der Gesellschaft spielen. Verfügbare Daten zeigen jedoch, dass nur ein kleiner Teil der Erwachsenen Lernangebote wahrnehmen, wobei es zwischen den einzelnen Ländern große Schwankungen gibt. Die Teilnahme an Erwachsenenbildung nimmt seit 2005 langsam ab [2]. Dabei ist die Teilnahmequote in den Gruppen mit dem höchsten Armutsrisiko besonders gering. Dazu gehören Angehörige gefährdeter Gruppen, Migranten oder Angehörige von Minderheiten, schlecht ausgebildet und gering qualifizierte Erwachsene, Nichterwerbstätige und Ältere. Die Mitgliedstaaten haben bereits politische Strategien beschlossen, um den Zugang der eben genannten Gruppen zur Erwachsenenbildung zu verbessern. Allerdings enthalten diese Dokumente meist keine klaren und quantifizierbaren Zielvorgaben [3]. Eine wichtige Aufgabe für alle EU-Länder ist die Bekämpfung der „Qualifikationsfalle“, bei der Erwachsene mit geringen Qualifikationen und Bildungsabschlüssen, die eine allgemeine und berufliche Weiterbildung am meisten brauchen, vorhandene Bildungsangebote am seltensten wahrnehmen. Die wichtigsten Hindernisse für die Teilnahme an Erwachsenenbildung sind familiäre Pflichten, Konflikten mit den eigenen Arbeitszeiten, fehlende „Voraussetzungen“ (zum Beispiel Zugangsqualifikationen), finanzielle Probleme (die Kursgebühren sind zu hoch), fehlende Unterstützung des Arbeitgebers, Fehlen von passenden Angeboten oder von Angebote in der Nähe, Gesundheitsprobleme oder Alter sowie fehlende materielle Ressourcen (zum Beispiel kein Computer für Fernlehrgänge) [4].

Empfehlungen

Es gibt viele Mobilisationsstrategien, mit deren Hilfe die Mitgliedstaaten mehr Menschen zur Teilnahme an Erwachsenenbildung bewegen können (z. B. durch Beratungsangebote, flexible Bildungswege, Qualitätsmanagement, Strategien zur aktiven Anwerbung von Teilnehmern, Anrechnung früherer Lernerfolge und finanzielle Instrumente) [5]. Es gibt jedoch kaum Daten zur Umsetzung dieser Strategien [6]. Das heißt, es sind weitere Evaluationssysteme erforderlich, die prüfen, ob die bestehenden Angebote in der Erwachsenenbildung effizient sind [7] und den Bedürfnisse der genannten Zielgruppen entsprechen [8]. Da die Vorteile einer hochwertigen und gut zugänglichen Erwachsenenbildung allgemein anerkannt sind, sollten alle relevanten Akteure auf EU-, nationaler und kommunaler Ebene versuchen, Systeme der Erwachsenenbildung aufzubauen, die von Diversität [9], Flexibilität, hoher Qualität, Transparenz, Qualitätsmanagement und ausgezeichneten Lehrkräften geprägt sind, und in denen kommunale Behörden, Arbeitgeber, die Sozialpartner, die Zivilgesellschaft und kulturelle Vereine eine stärkere Rolle wahrnehmen können [10]. Die Systeme der Qualitätssicherung müssen sich dabei auf die Lernenden konzentrieren [11]. Außerdem müssen diese Systeme für alle Betroffenen transparent sein und Strategien für die Beteiligung und Anhörung der wichtigsten Akteure umfassen [12]. Das EQAVET-System sollte so erweitert werden, dass es auch Erwachsenenbildung berücksichtigt, die von Institutionen anderer Sektoren angeboten wird und die Systeme der Qualitätssicherung müssen organisatorisch stark verankert sein [13]. Die zuständigen Stellen müssen in der Branche anerkannt sein, damit das Qualitätssicherungssystem von der Führungsebene und den Mitarbeiter_innen angemessen unterstützt wird [14]. Und schließlich müssen die Kosten des Qualitätssicherungssystems an die Größe des Bildungsträgers und den Kontext angepasst sein (keine Einheitslösungen) [15].


[1] Field, J., ‘Lifelong learning and the new educational order’ [Lebensbegleitendes Lernen und die neue Bildungsordnung], British Journal of Educational Technology, 37, 2006, pp. 987–988. doi:10.1111/j.1467-8535.2006.00660_18.x.

[2] Europäische Kommission, European semester thematic fiche – Skills for the Labour Market [Themenblatt zum europäischen Semester – Kompetenzen für den Arbeitsmarkt], 2015. PDF file

[3] Europäische Kommission, EU Skills Panorama: analytical highlight focus on Adult learning [Panorama zu Kompetenzen in Europa. analytischer Schwerpunkt auf der Erwachsenenbildung], prepared by ICF GHK and Cedefop for the European Commission [Bericht von ICF GHK und Cedefop für die Europäische Kommission], 2014.

[4] UNESCO Institute for Lifelong Learning, Global Report on Adult Learning and Education [Globaler Bericht zur Erwachsenenbildung], UNESCO Institute for Lifelong Learning [Institut für Lebenslanges Lernen (UIL)], 2009. PDF file

[5] Broek, S. D.; Buiskool, B. J., ‘Mapping and comparing mobilisation strategies throughout Europe: Towards making lifelong learning a reality’ [Erfassung und Vergleich von Mobilisationsstrategien in Europa. Lebensbegleitendes Lernen auf dem Weg zur Realität], Journal of Adult and Continuing Education, Volume 18(1), 2012, pp. 4-26.

[6] EEuropäische Kommission/EACEA/Eurydice, Adult Education and Training in Europe: Widening Access to Learning Opportunities [Erwachsenenbildung in Europa. Den Zugang zu Lernchancen verbessern], Eurydice-Bericht, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, Luxemburg, 2015. PDF file

[7] Bechtel, M., ‘Competence Profiles for Adult and Continuing Education Staff in Europe: Some Conceptual Aspects’ [Kompetenzprofile europäischer Lehrkräfte in der Erwachsenen- und Weiterbildung]. In: Nuissl, E.; Lattke, S., Qualifying adult learning professionals in Europe [Qualifizierung des Lehrkörpers der Erwachsenenbildung in Europa], Bielefeld, W. Bertelsmann Verlag, 2008.

[8] Zepke, N., Leach, L., ‘Improving learner outcomes in lifelong education: formal pedagogies in non-formal learning contexts?’ [Mehr Lernerfolg bei lebensbegleitenden Lernen. Formaler Unterricht in informellen Lernsituationen?], International Journal of Lifelong Education, vol.25, no 5, 2006, pp. 507-518.

[9] Faurschou, K., Systematic quality assurance in adult learning, Nordic tiles in a mosaic. Nordic Network Quality in Adult Learning, [Systematische Qualitätssicherung in der Erwachsenenbildung. Skandinavische Steinchen in einem Mosaik. Skandinavisches Netzwerk „Qualität in der Erwachsenenbildung“], Nordischer Ministerrat, 2008.

[10] Broek, S. D.; Buiskool, B. J., ‘Mapping and comparing mobilisation strategies throughout Europe: Towards making lifelong learning a reality’ [Erfassung und Vergleich von Mobilisationsstrategien in Europa. Lebensbegleitendes Lernen auf dem Weg zur Realität], Journal of Adult and Continuing Education, 18(1), 2012, pp. 4-26.

[11] Looney, J., Teaching, learning and assessment for adults: improving foundation skills [Unterrichten, Lernen und Prüfen von Erwachsenen. Grundkompetenzen stärken], OECD Publications, Paris, 2008.

[12] Faurschou, K., (ed.), Quality management approaches for vocational education and training [Ansätze des Qualitätsmanagements in der beruflichen Bildung], Cedefop European Forum on Quality in VET, 2002.

[13] Moran, J. J., Assessing adult learning: a guide for practitioners [Erwachsenenbildung bewerten. Ein Leitfaden für die Praxis],  Boca Raton, FL, Krieger, 2001.

[14] McGivney, V., Adult learning pathways: through routes or cul-de-sacs? [Erwachsenenbildung: Schnellstraße oder Sackgasse?], NIACE, Leicester, UK, 2003.

[15] Broek, S. D.; Hake, B. J., ‘Increasing participation of adults in higher education: Factors for successful policies’ [Teilnahme Erwachsener an der höheren Bildung verbessern. Faktoren erfolgreicher politischer Ansätze], International Journal of Lifelong Education, Volume 31, Issue 4, 2012, pp. 397-417.