Schulische und betriebliche Berufsbildung, Übergang ins Erwerbsleben

Problembeschreibung

Eine hochwertige schulische und betriebliche Berufsbildung vermittelt die technischen Fähigkeiten und Querschnittskompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden, und gewährleistet so den reibungslosen Übergang ins Erwerbsleben und weitere Karrierechancen [1] [2]. Sie bietet eine Alternative zu akademischen Zweigen der sekundären Bildung, bereitet Schüler_innen jedoch auch besonders gut auf technische Studiengänge in höheren Bildungseinrichtungen vor [3]. Außerdem spielt die berufliche neben der allgemeinen Bildung eine wichtige Rolle bei der Förderung von sozialer Inklusion, Gleichstellung und gesellschaftlichem Engagement, weil sie den Bildungsbedürfnissen sozial benachteiligter Kinder entspricht, die in den beruflichen Zweigen der sekundären Bildung generell überrepräsentiert sind [4].

Bildungspolitische Konsequenzen

Weil in vielen EU-Ländern ein unverhältnismäßig hoher Anteil der Schüler_innen in der beruflichen Bildung aus sozial benachteiligten Haushalten kommt, ist dieser Bildungsbereich besonders wichtig, ja sogar entscheidend, um die Chancengleichheit zu verbessern, sozialen Aufstieg zu ermöglichen und den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Deshalb sind Investitionen in die berufliche Bildung, mit denen deren Qualität verbessert und der Zugang erleichtert wird, nicht nur wirtschaftlich sehr sinnvoll, sie haben auch einen großen sozialen Wert [5]. Der Bereich genießt auf EU-Ebene politische Aufmerksamkeit und politische Richtlinien betonen die Wichtigkeit der beruflichen Bildung, regelmäßiger Überprüfung von Benchmarks und wechselseitiger Lernprozesse als Teil des Kopenhagen-Prozesses. Dennoch liegen in vielen Ländern die Investitionen in Klassenräume und Labors, Geräte und Unterrichtsmaterial und die Kompetenzen und Qualifikationen der Lehrkräfte der beruflichen Bildung unterhalb des Grenzwerts, mit dem eine gute Ausbildung gewährleistet werden kann. Die Finanzmittel pro Schüler entsprechend bestenfalls denen in der allgemeinen Bildung und berücksichtigen nicht die Kosten für die Infrastruktur für praktische Übungen und den Kampf um qualifizierte Lehrer in einem Arbeitsmarkt, in dem Lehrkräfte immer in Versuchung sind, besser bezahlte Stellen im produktiven Sektor anzunehmen [6].

Neben den finanziellen Aspekten wird die Entwicklung der beruflichen Bildung auch durch zahlreiche rechtliche und organisatorische Schwächen behindert. Erstens ist der Übergang von der beruflichen zur höheren Bildung oft unmöglich, weil die beiden Bildungssysteme nicht kompatibel und undurchlässig sind. Abschlüsse, die in der beruflichen Bildung erworben wurden, werden nicht immer überall anerkannt. Dies ist eine Verschwendung von Zeit, Ressourcen und Chancen. Zweitens wird der Übergang von der beruflichen Bildung auf den Arbeitsmarkt durch mangelnde Lehrstellen und Praktika und fehlendes Engagement der Sozialpartner bei der Steuerung und/oder Arbeit der Träger von beruflicher Bildung behindert. Drittens sind Systeme und Dienste zur Berufsberatung häufig unterentwickelt und weisen nicht auf berufliche Bildungszweige innerhalb der sekundären Bildung, auch wenn die Aussichten mit diesen Bildungsabschlüssen gut sind, weil Arbeitgeber und höhere Bildungseinrichtungen für Schüler_innen mit entsprechenden Abschlüssen mehr Stellen und Studienplätze anbieten, als nachgefragt werden [7]. Viertens fällt es weiterhin vielen EU-Mitgliedstaaten schwer, Qualifikationen zu definieren, berufliche Normen und Bildungsprogramm laufend zu überarbeiten und modulare Ansätze für flexiblere Bildungswege umzusetzen. Schließlich funktionieren auch die bestehenden Systeme zur Qualitätssicherung nicht ausreichend und tragen nicht zu einer Kultur der Qualitätsorientierung bei den Trägern von beruflicher Bildung bei. Die eben genannten Schwächen zusammen genommen können den Eindruck erwecken, dass sich berufliche Bildung und tertiäre oder höhere Bildung gegenseitig ausschließen. Die schränkt die Chancen junger Menschen auf persönliche Weiterentwicklung ein, und zwar überproportional häufig für Schüler_innen aus sozial benachteiligten Familien, die in jedem EU-Land in der beruflichen Bildung überrepräsentiert sind.

Empfehlungen

Angesichts der vielen Probleme im Bereich der beruflichen Bildung kann die Forschung nur einige Beispiele für erfolgversprechende Maßnahmen nennen. So empfiehlt es sich, bessere Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die berufliche Bildung die richtige Mischung von Kompetenzen vermittelt, die auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Dafür müsste gewährleistet sein, dass Lehrkräfte und Ausbilder selbst gut ausgebildet sind und über die nötigen Branchenkenntnisse verfügen, dass die Zusammenarbeit mit relevanten Interessenvertretern regelmäßig, umfassend und reibungslos ist, und dass während des Lernprozesses auch betriebliche Lernphasen voll genutzt werden [8]. Das Stigma, das der beruflichen Bildung in vielen Ländern anhaftet, ließe sich durch einen Abbau der Hierarchie zwischen einzelnen Bildungssystemen mindern.


[1] Mansfield, B., Linking Vocational Education and Training Standards and Employment Requirements: An International Manual [Verknüpfung von beruflicher Bildung, Ausbildungssystemen und Anforderungen des Arbeitsmarkts], PRIME Research and Development, 2011. PDF file

[2] Europäische Kommission, Rethinking Education: Investing in skills for better socio-economic outcomes [Neue Denkansätze für die Bildung: bessere sozioökonomische Ergebnisse durch Investitionen in Qualifikationen], Communication from the Commission to the European Parliament, the Council, the European Economic and Social Committee and the Committee of the Regions [Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen ], (COM/2012/0669), 2012. Web Link

[3] Jan Varchola, Main challenges and trends in VET in the EU: Links between VET and higher education [Der Wohlfahrtsstaat und biografische Übergänge], 2015. PDF file

[4] Anxo, D.; Bosch, G.; Rubery, J., The Welfare State and Life Transitions [Hauptprobleme der beruflichen Bildung in der EU. Verbindungen zwischen beruflicher Bildung und Hochschulbildung], Edward Elgar Publishing, 2010.

[5] Anxo, D.; Bosch, G.; Rubery, J., The Welfare State and Life Transitions, Edward Elgar Publishing, 2010. Also Nore, H.; Lahn, L., ‘Bridging the Gap between Work and Education in Vocational Education and Training’ [Die Lücke zwischen Arbeitsmarkt und beruflicher Bildung schließen], IJRVET – International Journal for Research in Vocational Education and Training, 1(1), 2014, pp. 21-34. Web Link

[6] OECD [Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung], Reviews of vocational education and training. Learning for jobs: Pointers for policy development [Überblick zur beruflichen Bildung. Lernen für den Arbeitsmarkt. Hinweise zur politischen Entwicklung], 2011. PDF file

[7] Griffin, T., Disadvantaged learners and VET to higher education transitions [Benachteiligte Lernende und berufliche Bildung. Übergänge zur Hochschulbildung], NCVER, Adelaide, 2014. PDF file

[8] Roiy, K., Smistrup, M., Transition between education and employment – The Danish Reform Case [Übergang vom Bildungssystem in die Beschäftigung – Die dänische Reform], 2013. PDF file