Zugang zur Hochschulbildung egalisieren

Problembeschreibung

Um eine höhere Beschäftigungsquote, Produktivität und Wachstum zu gewährleisten, müssen die Mitgliedstaaten unbedingt den Anteil der Hochschulabsolventen erhöhen. Selbst in den am stärksten von der Krise betroffenen Ländern stehen Arbeitnehmer mit höheren Schulabschlüssen besser da als ihre weniger qualifizierten Mitbewerber. Auf dem gesamten Kontinent ist die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe besonders niedrig [1].  Eine höhere Bildung gewährleistet jedoch nicht nur wirtschaftlichen Wohlstand, sie bringt auch engagierte und mündige Bürger hervor und kann so potenziell zur sozialen Entwicklung beitragen. Im Zuge der Wirtschaftskrise haben gesellschaftliche Ungleichheit und Jugendarbeitslosigkeit stark zugenommen. Dadurch wuchs auch das Bewusstsein für die Bedeutung höherer Bildung als Vehikel für mehr soziale Mobilität und besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Um den allgemeinen Bildungsstand zu erhöhen, müssen die Mitgliedstaaten den Zugang zur höheren Bildung für alle sozialen Gruppen erleichtern, auch für die am stärksten benachteiligten Gruppen.

 Bildungspolitische Konsequenzen

Trotz des Ausbaus der höheren Bildungssysteme ist es nicht gelungen, für einen ausgewogenen Anteil aller sozialen Gruppen bei den Hochschulabsolventen zu sorgen [1] [2]. In den letzten Jahren wurden immer mehr Strategien entwickelt, um den Zugang zum Hochschulsystem insgesamt und zu den besonders renommierten Bildungseinrichtungen zu egalisieren [3]. Diese Strategien waren jedoch nur teilweise erfolgreich. Insbesondere in renommierten Hochschulen und Fachrichtungen sind StudierendenStudierenden, die aufgrund ihres Alters oder ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft zu den benachteiligten bzw. bildungsfernen Gruppen gehören, weiterhin unterrepräsentiert [4]. In ähnlicher Weise scheint es große Hürden für Studierende zu geben, die in Teilzeit einen Hochschulabschluss erwerben möchten. Erwachsene, die in Vollzeit oder Teilzeit beschäftigt sind, erhalten von ihren Arbeitgebern kaum finanzielle, organisatorische oder praktische Unterstützung [5]. Auch die Universitäten richten den größten Teil ihres Angebots an junge Vollzeitstudierenden. Und wenn es doch Angebote für ältere Studierende gibt, sind sie am Rand der Hochschultätigkeit angesiedelt und verfügen über einen niedrigen Status und geringere Ressourcen. Derzeit verlassen in der Europäischen Union rund 30 % der Studierenden die Hochschule ohne Abschluss [6]. Bei Studierenden mit einem niedrigeren sozioökonomischen Hintergrund ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihr Studium abbrechen, besonders hoch [7]. Wenn die nationalen Regierungen und Bildungseinrichtungen nicht verstärkt auf Initiativen zur Egalisierung des Hochschulzugangs setzen, besteht die Gefahr, dass sich der bisherige Prozess hin zu mehr sozialer Eingliederung umkehrt.

 Empfehlungen

Es wurden mehrere institutionelle Faktoren ermittelt, die den Zugang benachteiligter sozialer Gruppen verbessern könnten [8] [9]. Dazu gehören: Flexible oder offene Zulassung von Menschen ohne die herkömmliche Hochschulqualifikationen; Studiengänge, die den besonderen Bedürfnisse nicht-traditioneller Studierendengruppen entgegenkommen, insbesondere durch den Ausbau von Fernlehrgängen und Teilzeitangeboten; modulare Kurse, Richtlinien für die Anerkennung früherer Bildungsabschlüsse, mehr Flexibilität der Hochschulen bei der Organisation von Studiengängen, Inhalten bzw. Lehrplänen und Programmen, Angebot von Schnellkursen oder Programme ohne Leistungspunkte, die als Schnittstellen für die Eingliederung benachteiligter Studierender fungieren können, finanzielle und sonstige Unterstützung, neue Formen von Studienkrediten, bei denen der Kredit z. B. nur zurückzuzahlen ist, wenn nach dem Abschluss ein höheres Einkommen erzielt wird [10] [11] [12].


[1] OECD [Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung], Education at a Glance 2014: OECD Indicators, [Bildung auf einen Blick 2014: OECD-Indikatoren], OECD Publishing, Paris, 2014. doi:10.1787/eag-2014-en.

[2] Riddell, S.; Weedon, E., ‘European higher education, the inclusion of students from Under-represented groups and the Bologna Process’ [Höhere Bildung in Europa, die Eingliederung von Studierenden aus unterrepräsentierten Gruppen und der Bologna-Prozess], International Journal of Lifelong Education, 33(1), 2014, pp. 26-44.

[3] Downes, P., ‘Access to Education in Europe: A Framework and Agenda for System Change’ [Zugang zu Bildung in Europa. Rahmen und Agenda für einen Systemwandel], Lifelong Learning Book Series 21, Springer Netherlands, Dordrecht, Springer Verlag, 2014. doi:10.1007/978-94-017-8795-6.

[4] Boliver, V., ‘How fair is access to more prestigious UK universities?’ [Wie gerecht ist der Zugang zu den besonders angesehenen Universitäten Großbritanniens], The British Journal of Sociology, 64(2), 2013, pp. 344–364.

[5] Saar, E.; Vöörmann, R.; Lang, A., ‘Employers’ support for adult higher education students in liberal post-socialist contexts’ [Unterstützung von erwachsenen Studierenden durch Arbeitgeber in der liberalen post-sozialistischen Gesellschaft], International Journal of Lifelong Education, 33(5), 2014, pp. 587-606.

[6] OECD [Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung], Education at a Glance 2013: OECD Indicators [Bildung auf einen Blick 2013: OECD-Indikatoren], OECD Publishing, Paris, 2013. doi:10.1787/eag-2013-en.

[7] Quinn, J., Drop-out and Completion in Higher Education in Europe among students from under-represented groups [Studienabbruch und Abschlüsse von Studierenden aus unterrepräsentierten Gruppen in Europa], Report for the European Commission by the Network of Experts in Social aspects of Education and Training (NESET) [Bericht des Netzwerks von Expert/inn/en für soziale Aspekte allgemeiner und beruflicher Bildung (NESET) für die Europäische Kommission], 2013. PDF file

[8] Saar, E.; Täht, K.; Roosalu, T., ‘Institutional barriers for adults’ participation in higher education in thirteen European countries’ [Institutionelle Hindernisse für erwachsene Studierende in dreizehn europäischen Ländern], Higher Education, 68(5), 2014, pp. 691-710.

[9] Slowey, M.; Schuetze, H. G., (eds), Global perspectives on higher education and lifelong learners [Globale Perspektiven aus höhere Bildung und Lebenslanges Lernen], Routledge, London, 2012.

[10] Broek, S.; Hake, B.J., ‘Increasing participation of adults in higher education: factors for successful policies’ [Wachsender Anteil von Erwachsenen in der höheren Bildung. Faktoren für erfolgreiche politische Ansätze], International Journal of Lifelong Learning, 31(4), 2012, pp. 397-417.

[11] Europäische Kommission, Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur (EACEA); Eurydice, Modernisation of Higher Education in Europe: Access, Retention and Employability 2014 [Modernisierung der höheren Bildung in Europa. Zugang, erfolgreicher Abschluss und Beschäftigungsfähigkeit], Eurydice Report, Publications Office of the European Union, Luxembourg, 2014. PDF file

[12] Europäische Kommission; EACEA; Eurydice, National Student Fee and Support Systems in European Higher Education 2014/2015 [Hochschulgebühren und Fördersystem in der höheren Bildung in Europa 2014/2015], Eurydice Report, 2015. PDF file