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11.

Bürgerschaftliches Engagement und Identität in der Bildung

Problembeschreibung

Die Europäische Union betont den Wert der Bürgerkompetenz als eine der Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen und definiert sie als die Fähigkeit, verantwortungsvoll zu handeln und auf der Grundlage der Kenntnis gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, rechtlicher und politischer Konzepte und Strukturen am gesellschaftlichen und sozialen Leben teilzunehmen[1]. Wie wichtig der neuen Kommission bürgerschaftliche Teilhabe ist, zeigen auch ihre Prioritäten, in denen sie die eng miteinander verwandten Ziele formuliert, die Beteiligung der Europäer an den Entscheidungsprozessen zu stärken und die Kernwerte zu schützen, von denen die Identität Europas geprägt ist, d. h. Rechtsstaatlichkeit, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Toleranz[2][3]. Die Wissenschaft sieht das Konzept gemeinsamer Werte und das Verständnis dessen, was einen aktiven Bürger ausmacht, jedoch kritisch. Sie findet das Thema zwar ebenfalls wichtig, hält diese Ideen jedoch für unklar und fragwürdig[4][5].

Bildungspolitische Konsequenzen

Die wissenschaftliche und politische Debatte auf EU-Ebene ist sich darin einig, dass die Verbindung zwischen Identität, Bürgerkompetenzen und Bildung immer wichtiger wird. Beispiele sind die Pariser Erklärung von 2015[6] und die Empfehlungen des Rates zur Förderung gemeinsamer Werte, inklusiver Bildung und der europäischen Dimension im Unterricht[7] und zu Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen1. Vor diesem Hintergrund gilt Bildung als möglicher Katalysator, der kritisches Denken fördern und zu einem aktiven bürgerschaftlichen Engagement anregen kann. Die Vermittlung gemeinsamer Werte auf allen Bildungsstufen, die Stärkung der Inklusion und die Förderung der europäischen Dimension im Unterricht werden als wichtige Maßnahmen gesehen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, und Fremdenfeindlichkeit, auf Spaltung zielenden Nationalismus und die Verbreitung von Falschinformationen zu bekämpfen. Trotzdem betonen Forscher, dass die Ideen eines bürgerschaftlichen Engagements und gemeinsamer europäischer Werte problematisch ist und weisen darauf hin, dass erstere kontextabhängig ist,5 und letztere oft sehr vage gehalten wird, um das politische Gleichgewicht nicht zu gefährden[4].

Empfehlungen

Angesichts dieser Probleme betonen Forscher die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer im Bildungsprozess und weisen darauf hin, dass Bildungspraktiker spezielle Fortbildung im Bereich politische Bildung und klare methodologische Leitlinie brauchen, die sowohl authentische Unterrichtsmaterialien als auch bewährte Verfahren enthalten[8]. Dies bestätigen auch die Ergebnisse eines Eurydice-Berichts von 2017[9], die zeigen, dass Bürgererziehung in den europäischen Ländern zwar viel Aufmerksamkeit bekommt, fast die Hälfte dieser Länder jedoch noch immer keine Strategien für die Integration der Bürgererziehung in die Lehrerausbildung hat. Lehrerinnen und Lehrer sollten daher durch Maßnahmen, die ein offenes und vielfältiges Lernumfeld schaffen, dabei unterstützt und gefördert werden, Bürgerkompetenzen zu vermitteln, kritisches Denken zu fördern und das gemeinsame kulturelle Erbe Europas weiterzugeben und den Lernenden ein Rollenmodell zu bieten.

Die Entwicklung interkultureller, sozialer und politischer Kompetenzen sowohl bei Lehrerinnen und Lehrern als auch bei Schülern kann aber auch durch die Teilnahme an europaweiten Projekten gefördert werden, z. B. an den Erasmus+-Programmen, virtuellen Konferenzen, eTwinning und Freiwilligentätigkeiten, in denen soziale Kompetenzen und Teamfähigkeit vermittelt werden. Obwohl hier die Rolle der Lehrkräfte besonders betont wurde, soll jedoch auch darauf hingewiesen werden, dass Bürgererziehung nur funktionieren kann, wenn sie alle betroffenen Gruppen einbezieht, d. h. Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen, Eltern, Schulleitung und externe Akteure (z. B. Kommunalbehörden und lokale Organisationen)[8].